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Lesungen 08.12.2016


1. Lesung vom Hochfest Mariä Empfängnis:
Gen 3,9-15. 20

Lesung aus dem Buch Genesis:

Nachdem Adam vom Baum gegessen hatte,
rief Gott, der Herr, zu ihm 
und sprach: Wo bist du?
Er antwortete: Ich habe dich im Garten kommen hören;
da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin,
und versteckte mich.
Darauf fragte er:
Wer hat dir gesagt, daß du nackt bist?
Hast du von dem Baum gegessen,
von dem zu essen ich dir verboten habe?
Adam antwortete:
Die Frau, die du mir beigesellt hast,
sie hat mir von dem Baum gegeben,
und so habe ich gegessen.
Gott, der Herr, sprach zu der Frau:
Was hast du da getan?
Die Frau antwortete:
Die Schlange hat mich verführt,
und so habe ich gegessen.
Da sprach Gott, der Herr, zur Schlange:
Weil du das getan hast, bist du verflucht
unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes.
Auf dem Bauch sollst du kriechen
und Staub fressen alle Tage deines Lebens.
Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau,
zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs.
Er trifft dich am Kopf,
und du triffst ihn an der Ferse.
Adam nannte seine Frau Eva - Leben -,
denn sie wurde die Mutter aller Lebendigen.



Die Erzählung vom Sündenfall des ersten Menschenpaares gipfelt in der Vertreibung der beiden aus dem wunderbaren Garten, den Gott zunächst als Lebensraum für die Menschen vorgesehen hatte und in dem die Menschen die unmittelbare Nähe und Freundschaft Gottes genießen sollten. Nachdem der Mann und die Frau, durch die Schlange verführt, von der Frucht des Baumes der Erkenntnis gegessen haben, hören sie Gott gegen den Tagwind einherschreiten (vgl. Gen 3:8). Es setzt ein Verhör ein, in dem Gott in erzieherischer Absicht (und nicht wie ein Untersuchungsrichter) den Menschen zum Eingeständnis der ungehorsamen Tat bewegen möchte, um ihn auf den rechten Weg zu führen. Anstelle des Eingeständnisses tritt jedoch ein Entschuldigungsmechanismus seitens des Menschen. Dieser Entschuldigungsmechanismus ist nach der Scham wegen der Nacktheit (vgl. Gen 3:7) die zweite Folge der verloren gegangenen gottgegebenen Ursprünglichkeit. Der Mann schiebt die Schuld auf seine Frau, ja auf Gott selbst, weil er ihm die Frau beigestellt hat. Die Frau schiebt die Schuld auf die Schlange, die zum ungehorsamen Tun verführte. Die Entzweiung der Menschen untereinander und die Entzweiung der Menschen von Gott wird überdeutlich. Durch das Abschieben der Schuld verbaut sich der Mensch zugleich den Weg zur Umkehr und vorerst auch zur Vergebung, die durch das Kommen Gottes grundsätzlich eröffnet wäre. Der von Gott angekündigte Kampf zwischen dem Nachwuchs der Frau und dem Nachwuchs der Schlange beschreibt den von nun andauernden Kampf zwischen den Menschen und den Mächten des Bösen, ein Kampf, in dem es um Leben und Tod geht. Der Fluch, der über die Schlange gesprochen wird, kündigt allerdings indirekt die Überwindung ihrer Macht an. Wenn der Nachwuchs der Frau den Nachwuchs der Schlange auf den Kopf trifft, dann heißt dies letztlich, dass die Schlange den Kürzeren zieht, denn ein Angriff auf die Ferse ist weniger gefährlich als ein Angriff auf den Kopf. Einer wird kommen, um dem Bösen endgültig den Garaus zu bereiten und den Menschen eine neue Zukunft zu weisen: Jesus Christus. Seine Mutter Maria, die von allem Anfang an von der Erbschuld befreit ist, wird die neue Eva sein, über welche das Böse keine Macht mehr haben wird.


Die für den Gottesdienst getroffene Auswahl bietet leider nicht die Dramatik des vollständigen Textes Gen 3,1-24 (vgl. Ungekürzte Fassung). Könnte man nicht doch der Gemeinde den Gesamttext vorstellen, um die Tragweite menschlichen Handelns zu verdeutlichen, die Folge der "Ursünde", aber auch die Verheißung und die Treue Gottes? "Die Schlange" steht nicht für eine (weibliche) Verführungskunst, sondern ist Symbol für Baal, den syrisch-kanaanäischen Fruchtbarkeitsgott, eigentlich ein "Schlangerich". Gott tritt mit den Menschen ins Gespräch. In Folge der Übertretung fühlt sich der Mensch "bloßgestellt". Nicht die erwartete Herrschaft erwächst dem Menschen aus seiner Tat, sondern die Erkenntnis der Erbärmlichkeit. Nun tritt an Stelle des Eingeständnisses der Entschuldigungsmechanismus. Anderen, bis Gott selbst, wird die Ursache zugeschrieben (Vers 12). Was in der liebenden Schöpfung und Erhaltung, was als Gemeinschaftsraum und umsorgter Lebensraum gedacht war (Paradies), wird zum Raum der Einsamkeit, der Angst, der Verschleierung und Beschuldigung (Verse 12 und 13). Gott lässt sich auf keinen Dialog mit der Schlange ein, der fremde Götze ist kein Gesprächspartner Gottes. Ihn/sie trifft das Urteil zuerst. Dann wird das Strafurteil Gottes (im ausgelassenen Text Verse 16 bis 19) über die Menschen fortgesetzt: Lasten bei der Mutterschaft, Erfolglosigkeit der Arbeit... Vers 20 verdeutlicht schon eine Verheißung: Gott lässt Erbarmen walten, Er ist ein Gott des Lebens, Eva wird Mutter allen Lebens. Auch dem Zorn Gottes sind Grenzen gesetzt, wo es um Leben geht. Die (ausgelassenen) folgenden Verse würden des Weiteren zeigen: Gott bekleidet den Menschen, stellt ihn nicht weiter bloß, umsorgt ihn auch in den Folgen des Falles.


Die Lesung ist aus dem Zusammenhang von Gen 3,1-24 genommen, der Erzählung von der Versuchung des Menschen, seinem Fall und seiner Vertreibung aus dem Paradies. Der Einsatz mit Vers 9 läßt die Ursache für den psychologisch hervorragenden Dialog zwischen Gott und dem Menschen vermissen und ist für diesen Festtag nur wegen Vers 15 gewählt: die Frau, die (die Schlange) zertritt - sie ist somit auf Maria gedeutet, die "neue Eva". Die Stelle erzählt von der "ersten Sünde", der "Erbsünde" - insofern paßt sie zum Festgeheimnis, in dem es um die ohne diese Erbsünde empfangene Maria geht. Trotz der auf dieses Thema verkürzten Theologie aufgrund des Ausschnitts würde die Lesung des ganzen Kapitels 3,1-24 wohl zu weit führen.


Die Lesung erzählt vom Sündenfall des ersten Menschenpaares. Der Text versteht sich nicht als historischer Bericht. Vielmehr möchten die ersten Kapitel des Alten Testaments den Menschen charakterisieren, wie er von Anfang an ist. Er ist von Gott darauf angelegt, gut zu sein, wendet sich jedoch gegen diese von Gott erdachte Ordnung. Zugleich beinhaltet die Erzählung eine Beschreibung dessen, was Sünde ist, ohne daß dieses Wort darin vorkommt. Gott zieht die Menschen zur Rechenschaft. Wie in einem Gerichtsverfahren verhört er sie und spricht das Urteil. Theologisch gesehen besteht die Sünde darin, daß der Mensch sich gegen die Ordnung Gottes wendet. Er bewirkt damit die Umkehrung der Schöpfung. Gott hat den Menschen aus Staub geschaffen. Die Folge der Sünde ist, daß er zum Staub zurückkehren wird. Psychologisch gesehen bewirkt die Sünde das Bewußtwerden seiner Nacktheit und die damit verbundene Scham. Weiteres führt die Sünde zur Entzweiung der Menschen: Der Mann belastet die Frau, die Frau redet sich auf die Schlange aus. Ökologisch gesehen bewirkt die Sünde die Entzweiung der ganzen Schöpfung. Was Gott für den Menschen geschaffen hat, wendet sich gegen den Menschen.


Ungekürzte Fassung der Lesung: Gen 3,1-24

Lesung aus dem Buch Genesis:

1 Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der Herr, gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen? 
2 Die Frau entgegnete der Schlange: Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen; 
3 nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen, und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben. 
4 Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben. 
5 Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon eßt, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.  6 Da sah die Frau, daß es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, daß der Baum eine Augenweide war und dazu verlockte, klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß. 
7 Da gingen beiden die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz. 
8 Als sie Gott, den Herrn, im Garten gegen den Tagwind einherschreiten hörten, versteckten sich Adam und seine Frau vor Gott, dem Herrn, unter den Bäumen des Gartens.  9 Gott, der Herr, rief Adam zu und sprach: Wo bist du? 
10 Er antwortete: Ich habe dich im Garten kommen hören; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich.  11 Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, daß du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe? 
12 Adam antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben, und so habe ich gegessen.  13 Gott, der Herr, sprach zu der Frau: Was hast du da getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt, und so habe ich gegessen.  14 Da sprach Gott, der Herr, zur Schlange: Weil du das getan hast, bist du verflucht unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes. Auf dem Bauch sollst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens. 
15 Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf, und du triffst ihn an der Ferse.  16 Zur Frau sprach er: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen.  17 Zu Adam sprach er: Weil du auf deine Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem zu essen ich dir verboten hatte: So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. 
18 Dornen und Disteln läßt er dir wachsen, und die Pflanzen des Feldes mußt du essen. 
19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden; von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist du, zum Staub mußt du zurück.  20 Adam nannte seine Frau Eva (Leben), denn sie wurde die Mutter aller Lebendigen.  21 Gott, der Herr, machte Adam und seiner Frau Röcke aus Fellen und bekleidete sie damit.  22 Dann sprach Gott, der Herr: Seht, der Mensch ist geworden wie wir; er erkennt Gut und Böse. Daß er jetzt nicht die Hand ausstreckt, auch vom Baum des Lebens nimmt, davon ißt und ewig lebt!
23 Gott, der Herr, schickte ihn aus dem Garten von Eden weg, damit er den Ackerboden bestellte, von dem er genommen war. 
24 Er vertrieb den Menschen und stellte östlich des Gartens von Eden die Kerubim auf und das lodernde Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten.


Antwortpsalm am Fest der Erwählung Mariens
Ps 98,1-4

R: Singet dem Herrn ein neues Lied;
denn er hat wunderbare Taten vollbracht. - R
Singet dem Herrn ein neues Lied;
denn er hat wunderbare Taten vollbracht.
Er hat mit seiner Rechten geholfen
und mit seinem heiligen Arm. - (R)

Der Herr hat sein Heil bekannt gemacht
und sein gerechtes Wirken enthüllt vor den Augen der Völker.
Er dachte an seine Huld
und an seine Treue zum Hause Israel. - (R)

Alle Enden der Erde
sahen das Heil unsres Gottes.
Jauchzt vor dem Herrn, alle Länder der Erde,
freut euch, jubelt und singt! - R


2. Lesung vom 2. Adventssonntag, Lesejahr A:
Röm 15,4-9

Lesung aus dem Brief des Apostel Paulus an die Römer:

Schwestern und Brüder!
Alles, was einst geschrieben worden ist,
ist zu unserer Belehrung geschrieben,
damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schrift Hoffnung haben.
Der Gott der Geduld und des Trostes schenke euch die Einmütigkeit,
die Christus Jesus entspricht,
damit ihr Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus,
einträchtig und mit einem Munde preist.
Darum nehmt einander an,
wie auch Christus uns angenommen hat,
zur Ehre Gottes.
Denn, das sage ich,
Christus ist um der Wahrhaftigkeit Gottes willen Diener der Beschnittenen geworden,
damit die Verheißungen an die Väter bestätigt werden.
Die Heiden aber rühmen Gott um seines Erbarmens willen;
es steht ja in der Schrift:
Darum will ich dich bekennen unter den Heiden
und deinem Namen lobsingen.



Der Angelsatz der Lesung ist im Vers 8 zu sehen: Christus ist Diener derer geworden, die an eine Verheißung glauben. Die wurde (Vers 4) gelebt und bewahrt. Das ist Grund genug für den Segenswunsch, der in den Versen 5 und 6 zum Tragen kommt. Als Segen soll er seine Frucht tragen in der gegenseitigen Annahme, die Paulus exemplarisch vorlebt.


Der Text der zweiten Lesung ist einem Aufruf des Römerbriefes entnommen und stellt das Mittelstück dar, wobei ich mich - wie gelegentlich - auch hier wieder die Frage stelle, warum dies wohl so sei und ob hier nicht Paulus zu sehr "beschnitten" wurde. Der Vor-Teil unserer Lesung trägt die Aufforderung in sich, den anderen in seiner Schwachheit mitzutragen bzw. selbst mitgetragen zu werden, nach dem Vorbild Jesu nicht für sich selbst zu leben. Das Schriftzitat in Vers 3 stellt zugleich die Brücke zu Vers 4, dem Anfang der Lesung dar, der die Bedeutung der Schrift, gemeint ist damit das Alte/Erste Testament, betont. Daran schließt sich ein Wunsch an, in dem Gott als Gott des Geduldes und des Trostes bezeichnet wird. Der Aufruf zur Einmütigkeit und des Einanderannehmens findet seinen Abschluss in Vers 13, indem Gott als Gott der Hoffnung bezeichnet wird. Das Zwischenstück ist geprägt vom Blick auf das Gemeinsame und des Miteinanders der Juden, der Christen und der Heiden, denn in Jesus Christus sind alle Menschen gleich.


Ruf vor dem Evangelium am Fest der Erwählung Mariens
Lk 1,28

Halleluja. Halleluja.
Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade,
der Herr ist mit dir,
du bist gebenedeit unter den Frauen.
Halleluja.


Evangelium vom Hochfest Mariä Empfängnis:
Lk 1,26-38

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas:

Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel
von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret
zu einer Jungfrau gesandt.
Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt,
der aus dem Haus David stammte.
Der Name der Jungfrau war Maria.
Der Engel trat bei ihr ein und sagte:
Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.
Sie erschrak über die Anrede und überlegte,
was dieser Gruß zu bedeuten habe.
Da sagte der Engel zu ihr:
Fürchte dich nicht, Maria;
denn du hast bei Gott Gnade gefunden.
Du wirst ein Kind empfangen,
einen Sohn wirst du gebären:
dem sollst du den Namen Jesus geben.
Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden.
Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben.
Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen,
und seine Herrschaft wird kein Ende haben.
Maria sagte zu dem Engel:
Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?
Der Engel antwortete ihr:
Der Heilige Geist wird über dich kommen,
und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.
Deshalb wird auch das Kind heilig
und Sohn Gottes genannt werden.
Auch Elisabet, deine Verwandte,
hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen;
obwohl sie als unfruchtbar galt,
ist sie jetzt schon im sechsten Monat.
Denn für Gott ist nichts unmöglich.
Da sagte Maria:
Ich bin die Magd des Herrn;
mir geschehe, wie du es gesagt hast.



Die Erzählung von der Verkündigung des Engels an die Jungfrau Maria steht im größeren Zusammenhang der Geschichte Gottes mit dem Volk Israel. Während Israel den Willen Gottes immer wieder abgelehnt hat, ist sie bereit, ihn zu erfüllen: "Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast". Maria steht damit als Repräsentantin für Israel, ja mehr noch: für das gesamte Menschengeschlecht, denn die Offenheit der Jungfrau aus Nazareth für das Heilsangebot Gottes einzigartig und beispielgebend. Eine andere Möglichkeit, auf den Anruf und die Verheißung Gottes zu reagieren, zeigt das Lukasevangelium unmittelbar vorher: Zacharias reagiert auf die Verkündigung des Engels Gabriel, dass seine Frau Elisabeth einen Sohn empfangen werde, mit Zweifeln (vgl. Lk 1,5-25). Die Erzähltendenz der Verkündigungsszene ist freilich vor jeder mariologischen Aussageabsicht grundlegend christologisch bestimmt. Es soll die Messianität und Gottessohnschaft Jesu theologisch fundieret werden. Das geschieht durch den Hinweis, dass Jesus sein menschliches Dasein der schöpferischen Tat Gottes im Schoß einer Jungfrau verdankt. Aus der Erzählung erfließt als Bekenntnis: Jesus ist der endzeitliche Messias, der den Davidsthron einnehmen wird, er ist der aus einer Jungfrau geborene „Sohn des Höchsten“ bzw. "Sohn Gottes", er ist der "Heilige" Gottes. Im weiteren Verlauf der lukanischen Kindheitsgeschichte, in welche die Verkündigungsszene eingeflochten ist, wird sich die Gottessohnschaft Jesu immer mehr erweisen, sei es beim Besuch Mariens bei Elisabeth, bei der Geburt in Bethlehem oder bei der Darstellung im Tempel. Immer wieder wird die besondere Bedeutung Jesu in prägnanten Worten hervorgehoben. Die Erzählung will nicht zuletzt das wunderbare Handeln Gottes ins Licht setzen. Zum einen: Gott findet Wege, wie er sich Menschen mitteilt. Im Falle Mariens (wie schon vorher bei Zacharias) sendet er den Engel Gabriel, um seinen Anruf und seine Verheißung kundzutun. Zum anderen: Die Empfängnis des Gottessohnes im Schoß Mariens geschieht durch den Heiligen Geist und die "Kraft des Höchsten". Das Kommen Jesu Christi ist ausschließlich Initiative und Werk Gottes. Es ist nicht eine Frucht menschlichen Handelns. Auf menschlicher Seite sind Verfügbarkeit und Bereitschaft die alleinigen Grundbedingungen, dass Gott Großes, Ja Undenkbares vollbringen kann. Im Hinblick auf das Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria ist die erste Anrede Mariens durch den Engel nach seinem Eintritt relevant: "Sei begrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir". Wie außergewöhnlich dieser Gruß ist, zeigt nicht nur das Erschrecken Mariens, sondern auch der Umstand, dass ein ähnlicher Gruß des Engels in der Parallelerzählung von der Ankündigung der Geburt Johannes des Täufers an Zacharias fehlt. Maria ist von Gott in besonderer Weise erwählt, die Mutter Jesu zu werden. Die Kirche feiert diese Erwählung mit dem Blick auf die Freiheit Mariens von der Erbschuld vom ersten Augenblick ihres Daseins an. In dieser grundsätzlichen Freiheit von der Erbschuld ist auch ihre Offenheit gegenüber dem Kommen Gottes begründet.


Die Verkündigungsszene gehört zur "Vorgeschichte" im Lukasevangelium (Lk 1-2). Parallel zu den Erzählungen über die Geburt Johannes des Täufers wird jetzt (in Überbietung) von Verkündigung und Geburt Jesu erzählt. Die Perikope stellt Maria vor: Name, Wohnort, Stand. Dabei legt Lukas Wert auf die messianisch relevanten Angaben: Haus Davids, Galiläa (Lk 4,14). Die Betonung der Jungfernschaft Marias erfolgt zweimal (Vers 27 a.b) - im Hinblick auf die wunderbare Empfängnis Jesu (vgl. den Bezug zu Jes 7,14). Die Verheißung der Geburt eines Sohnes an Maria wird als Erfüllung der alttestamentlichen Messiasverheißungen gedeutet (V. 31: Gabriel zitiert Jes 7,14; der Thron Davids, die Verheißung der "Herrschaft ohne Ende" sind messianische Themen - vgl. Jes 9,6). Der Perikope geht es also primär um Jesus: um den Nachweis, daß er der verheißene Messias ist - der die Verheißungen (vgl. 2 Sam 7) aber bei weitem übertrifft. Mariologisch ist das Bild Marias, das Lk entwirft, interessant. Sie ist von Gott begnadet und erwählt (Verse 28, 30), sie ist Magd des Herrn (Vers 28), jungfräuliche Mutter des Messias (Verse 27, 31), Braut des Heiligen Geistes (Vers 35). Die Wahl dieses Evangeliums für das Fest Mariä Empfängnis kann leicht zum Mißverständnis des Festgeheimnisses führen: Es geht ja nicht um Jesu Empfängnis (von der das Evangelium berichtet). Indirekt ist das Festgeheimnis (das in keiner Bibelstelle direkt erwähnt wird) zu entnehmen: Der Anrede "du Begnadte" (Vers 28) - meint die göttliche Erwählung Marias. Der Engel sagt "der Herr ist mit dir" - und stellt damit eine bereits bestehende Anwesenheit Gottes fest. Erwählung entspricht nach biblischem Verständnis immer schon Gottes Heilsplan - und zeigt sich bereits in einer Erwählung im Mutterleib (vgl. Jer 1,5; Jes 49,1; Gal 1,15).


Die Erzählung von der Verkündigung der Geburt des Herrn gehört in den Zyklus der sog. Vorgeschichte im Lukasevangelium, ein Sammlung von Erzählungen über die Ankündigung, Geburt und Kindheit Jesu und Johannes des Täufers. Die Ankündigung der Geburt Jesu (Lk 1,26-38) steht der Ankündigung der Geburt des Johannes (Lk 1,5-25) gegenüber. Vom parallelen Aufbau und vom Inhalt her gehören beide Texte zusammen. Johannes wird als der Vorläufer angekündigt, Jesus als der Sohn des Höchsten, als Sohn Gottes. Während Zacharias dem Engel nicht glaubte, antwortet Maria dem Engel mit "Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast." Der Verfasser ist bemüht, Jesus als den verheißenen Messias aus dem Haus Davids und zugleich dessen Abstammung aus der Kraft des Höchsten auszuweisen. Es ist müßig zu fragen: "Wie soll das geschehen?" Es geht um den Glauben an das "Für Gott ist kein Ding unmöglich". Maria wird als die große Glaubende gezeichnet.