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Lesungen 02.07.2017


1. Lesung vom 13. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
2 Kön 4,8-11. 14-16a

Lesung aus dem zweiten Buch der Könige:

Eines Tages ging Elischa nach Schunem.
Dort lebte eine vornehme Frau,
die ihn dringend bat, bei ihr zu essen.
Seither kehrte er zum Essen bei ihr ein,
sooft er vorbeikam.
Sie aber sagte zu ihrem Mann:
Ich weiß, daß dieser Mann,
der ständig bei uns vorbeikommt,
ein heiliger Gottesmann ist.
Wir wollen ein kleines, gemauertes Obergemach herrichten
und dort ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen Leuchter
für ihn bereitstellen.
Wenn er dann zu uns kommt,
kann er sich dorthin zurückziehen.
Als Elischa eines Tages wieder hinkam,
ging er in das Obergemach, um dort zu schlafen.
Er fragte seinen Diener Gehasi,
was man für die Frau tun könne.
Dieser sagte:
Nun, sie hat keinen Sohn, und ihr Mann ist alt.
Da befahl er:
Ruf sie herein!
Er rief sie, und sie blieb in der Tür stehen.
Darauf versicherte ihr Elischa:
Im nächsten Jahr um diese Zeit
wirst du einen Sohn liebkosen.



Das zweite Buch der Könige ist der vierte Band eines umfassenden israelitischen Geschichtswerks (1 Sam - 2 Kön). Geschrieben wurde es, so nimmt man an, an einem Tiefpunkt der israelitischen Geschichte: Im Jahre 586 v. Chr. wurde das Südreich Juda von den Babyloniern erobert, der Tempel zerstört, die Stadtmauern geschliffen und die Oberschicht samt "allem, was lesen und schreiben konnte" nach Babylon deportiert. Das selbständige Königreich existierte nicht mehr und es schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein, daß das Volk Israel, wie so viele der kleinen Reiche vor ihm, im babylonischen Völkergemisch untergehen würde. Wie hatte es mit dem von Jahwe persönlich auserwählten und "angetrauten" Volk so weit kommen können? Zeit für ein paar eindringliche Fragen. Höchste Zeit für ein paar Gelehrte, sich ihre bisherige Geschichte anzuschauen und Bilanz zu ziehen. Ihre Antwort auf die Katastrophe des Exils ist ein vierbändiges Geschichtswerk, in welchem sie viel älteres Material aus ihrer Sichtweise überarbeiten und ergänzen. Ihre Grundthese ist, vereinfacht gesagt: Israels Scheitern, aber damit auch seine Chance auf Neubeginn, kann man auf einen knappen Nenner bringen - das Gebot "Jahwe allein!" Gegen dieses Gebot haben die Könige Israels immer wieder verstoßen, indem sie Fremdgöttern huldigten. Wie ein roter Faden zieht sich durch das Geschichtswerk: Mit der Untreue gegen Jahwe hat Israel sich selbst um die Freiheit gebracht, die ihm einst - wider alle menschliche Erwartung - durch die Errettung am Schilfmeer geschenkt wurde. Es hat das gelobte Land leichtsinnig wieder verspielt, indem es seinen Ursprung vergaß: Jahwe allein! Und das, obwohl es in seiner Geschichte einzelne Menschen gab, die den vergessenen Gott einmahnten - z.B. den Propheten Elischa. Die Lesungsperikope ist dem Erzählkranz um den Jahwe-Mahner Elischa entnommen. Er ist Schüler des berühmten Propheten Elija, der (soweit heute feststellbar) ungefähr 850 v. Chr. lebte. Wie sein großer Vorgänger hat Elischa im Volk und vor allem bei der Oberschicht des Reiches, die häufig Baal-Verehrer sind, einen schweren Stand: Die Bandbreite reicht von Verspottung bis zur offenen Verfolgung. Wer ihn aufnimmt, wie jene vornehme, leider namenlos gebliebene Frau, ergreift Partei für ihn und riskiert dasselbe Schicksal. Sie tut das nicht aus reinem Mitgefühl: Sie begreift ihn als einen Gesandten Jahwes. Und damit nimmt sie nicht allein den Mann Elischa auf, sondern auch den Gott, den er mitbringt. Anstatt sich und ihrem Mann aber durch diese couragierte Tat das Leben zu verpfuschen, wird ihr ein männlicher Nachkomme geschenkt - die sichtbarste Segnung für eine Frau im Alten Orient. Das geschieht nicht durch den "modernen" Fruchtbarkeitsgott Baal, sondern durch die Zuwendung des verachteten "altmodischen" Gottes Jahwe, der dieser mutigen Frau ihren sehnlichsten Wunsch erfüllt. Ein Gott gegen die Hoffnungslosigkeit - wie damals am Schilfmeer.


Das zweite Buch der Könige erzählt die Geschichte der getrennten Reiche Israel und Juda bis zu deren jeweiligen Untergang. Neben der stereotypen Darstellung der einzelnen Könige sowohl des Nordreiches, als auch des Südreiches ist die Darstellung der Propheten und ihrer Auftritte für beide Bücher der Könige charakteristisch. Nach der Entrückung des Propheten Elija wird Elischa der von Gott auserwählte Prophet im Nordreich Israel. Wie Elija ist auch er ein Mahner gegen den Abfall von Jahwe, verfügt über Wunderkräfte und ist der vollmächtige Verkünder des Wortes Gottes. Was er verheißt oder androht geht in Erfüllung. Die Wundergeschichten, die von Elischa erzählt werden, haben eine große Ähnlichkeit mit den Erzählungen über Elija. Die Erzählung der heutigen Lesung betrifft zwar nicht die großen geschichtlichen Ereignisse und das Weltgeschehen das in den Königsbüchern sehr oft im Zentrum steht, zeigt aber an einer einzelnen unbedeutenden Familie die Vollmacht Gottes mit der der Prophet Elischa handelt. Der geschenkte Sohn Eine gutsituierte aber kinderlose Frau aus Schunem nimmt sich des Propheten an, sie stellt ihm einen Raum in ihrem Haus zur Verfügung, wo Elischa sich aufhalten kann. In den Versen 11-13 wird erzählt, daß Elischa herausfinden möchte, wie er sich für ihre Gastfreundschaft erkenntlich zeigen kann. Die Frau selbst hat sich mit ihrer Situation abgefunden und äußert keine Wünsche, erst Elischas Diener macht ihn aufmerksam, daß die Ehe der Frau kinderlos geblieben ist. Als ihr Elischa zusagt, daß sie einen Sohn bekommen wird, rechnet sie sofort mit einer Enttäuschung. Die Schunemiterin schenkt wirklich einem Sohn das Leben, aber die negative Erwartungshaltung scheint sie trotzdem nicht überwunden zu haben zumindest wird ihr Vertrauen nachträglich auf die Probe gestellt. 2 Kön 4,18-37 wird erzählt, daß der von Gott geschenkte Sohn stirbt. Diesmal resigniert die Frau aber nicht, sondern mobilisiert alle Kräfte um den Propheten zu holen, von dem sie glaubt, daß er ihr helfen kann. Ihr Einsatz bleibt nicht ohne Erfolg: Elischa schenkt ihr ihren Sohn zum zweitenmal.


Der Prophet Elischa war viel unterwegs. Deshalb läßt es sich auch schwer sagen, wo er seinen ständigen Wohnsitz hat. Jeder Gottesmann galt als eine Person, der man nicht zu nahe treten durfte. Die Schunamitin freilich - ihr Name wird nicht genannt - ließ ihm "ein kleines Obergemach" einrichten. Sie rechnete mit einem ständigen Besuch des Propheten. Für eine hebräische Frau gab es keinen größeren Kummer als Kinderlosigkeit. Gehasi mach den Propheten darauf aufmerksam. Der Dank des Propheten für die Großzügigkeit der Wohnungsbereitstellung ist eine Zusage Gottes an sie: "Übers Jahr um diese Zeit wirst du einen Sohn liebkosen." Eine Anlehnung an die Erzählung von Abraham und Sara.


Ungekürzte Fassung der
1. Lesung vom 13. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
2 Kön 4,8-16a

Lesung aus dem zweiten Buch der Könige:

Eines Tages ging Elischa nach Schunem.
Dort lebte eine vornehme Frau,
die ihn dringend bat, bei ihr zu essen.
Seither kehrte er zum Essen bei ihr ein,
sooft er vorbeikam.
Sie aber sagte zu ihrem Mann:
Ich weiß, daß dieser Mann,
der ständig bei uns vorbeikommt,
ein heiliger Gottesmann ist.
Wir wollen ein kleines, gemauertes Obergemach herrichten
und dort ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen Leuchter
für ihn bereitstellen.
Wenn er dann zu uns kommt,
kann er sich dorthin zurückziehen.
Als Elischa eines Tages wieder hinkam,
ging er in das Obergemach, um dort zu schlafen.
Dann befahl er seinem Diener Gehasi:
Ruf diese Schunemiterin!
Er rief sie, und als sie vor ihm stand,
befahl er dem Diener:
Sag zu ihr: Du hast dir so viel Mühe um uns gemacht.
Was können wir für dich tun?
Sollen wir beim König oder beim Obersten des Heeres
ein Wort für dich einlegen?
Doch sie entgegnete:
Ich wohne inmitten meiner Verwandten.
Und als er weiter fragte, was man für sie tun könne,
sagte Gehasi:
Nun, sie hat keinen Sohn, und ihr Mann ist alt.
Da befahl er: Ruf sie herein!
Er rief sie, und sie blieb in der Tür stehen.
Darauf versicherte ihr Elischa:
Im nächsten Jahr um diese Zeit
wirst du einen Sohn liebkosen.


Antwortpsalm am 13. Sonntag im Jahreskreis (A)
Ps 89,2-3. 16-19

R Von den Taten deiner Huld, o Herr, will ich ewig singen. - R      

Von den Taten deiner Huld, Herr, will ich ewig singen,
bis zum fernsten Geschlecht laut deine Treue verkünden.
Denn ich bekenne: Deine Huld besteht für immer und ewig;
deine Treue steht fest im Himmel. - (R)

Wohl dem Volk, das dich als König zu feiern weiß!
Herr, sie gehen im Licht deines Angesichts.
Sie freuen sich über deinen Namen zu jeder Zeit,
über deine Gerechtigkeit jubeln sie. - (R)

Denn du bist ihre Schönheit und Stärke,
du erhöhst unsre Kraft in deiner Güte.
Ja, unser Schild gehört dem Herrn,
unser König dem heiligen Gott Israels. – R


2. Lesung vom 13. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Röm 6,3-4. 8-11

Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer:

Wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden,
sind auf seinen Tod getauft worden.
Wir wurden mit ihm begraben
durch die Taufe auf den Tod;
und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters
von den Toten auferweckt wurde,
so sollen auch wir als neue Menschen leben.
Sind wir nun mit Christus gestorben,
so glauben wir,
daß wir auch mit ihm leben werden.
Wir wissen, daß Christus, von den Toten auferweckt,
nicht mehr stirbt;
der Tod hat keine Macht mehr über ihn.
Denn durch sein Sterben
ist er ein für allemal gestorben für die Sünde,
sein Leben aber lebt er für Gott.
So sollt auch ihr euch als Menschen begreifen,
die für die Sünde tot sind,
aber für Gott leben in Christus Jesus.



"Diese epistel ist ein rechtes heubtstück" schreibt Martin Luther über den Römerbrief und nennt ihn ein "Evangelium im Evangelium". Für den Reformator zählte diese Schrift zu den kostbarsten der ganzen Bibel, und im Rückblick auf sein Leben berichtet er, wie ein einziger Satz daraus (Röm 1,17) sein ganzes Dasein verwandelte: "Der aus Glauben Gerechte wird leben". Der Römerbrief ist der späteste der Paulusbriefe: Der Apostel schreibt ihn etwa 56 n. Chr. in Korinth, um mit ihm seine geplante Romreise vorzubereiten. Zunächst will er die Gemeinden Roms besuchen und anschließend zu einer Missionsreise nach Spanien aufbrechen. Als einziger seiner Briefe ist er an eine Gemeinde gerichtet, die Paulus noch nicht kannte. Das spürt man auch beim Lesen. Die anderen Paulusbriefe sind Gelegenheitsschriften. Sie beantworten Anfragen der Gemeinde, schlichten Streit, ordnen die Liturgie, sind voller Brüche, Stimmungsumschwünge und lassen immer wieder den Menschen Paulus mit seinen Beziehungen durchschimmern. Mit dem Römerbrief dagegen präsentiert sich Paulus der berühmten Gemeinde in der Hauptstadt des römischen Imperiums mit seinen theologischen Gedanken und nimmt sich deshalb Zeit für einen klaren Gedankenaufbau. Das macht diesen Brief zur "gehaltvollsten", aber auch kompaktesten und anspruchsvollsten der Paulusschriften. Daher sollen im folgenden einige Schlüsselbegriffe der paulinischen Theologie erklärt werden: In den Kapiteln vor und nach unserer Lesung stellt Paulus zwei Existenzweisen des Menschen vor - oder eher: zwei Machtbereiche, in denen der Mensch existieren kann. Es gibt den Prototyp Adam, den "alten Menschen". Das sind wir Menschen, die wir es mit unseren Verfehlungen soweit gebracht haben, daß wir ganz entfremdet leben - entfremdet untereinander, aber auch entfremdet von uns selbst und entfremdet von Gott. Wir sind nicht mehr Herren im eigenen Haus, nicht mehr unserer eigenen Taten mächtig: "Ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will", klagt Paulus in Röm 7,19. Wir können uns aus dieser dreifach gestörten Beziehung nicht aus eigener Kraft befreien. Wohl können wir erkennen, was eigentlich gut und richtig wäre - "das Gesetz" - aber das führt uns noch deutlicher vor Augen, wie wenig wir unseren Ansprüchen und den Ansprüchen Gottes genügen. Denn dieses Gesetz ist uns immer eine Nummer zu groß, wir können es nie erfüllen, so daß wir uns selber sagen können: Ich bin gut, so wie ich bin. Besser muß ich nicht sein. Der verstörte "alte" Mensch erlebt sich unterjocht unter eine fremde und lebensfeindliche Macht, die Paulus "Sünde" nennt - oder sogar "Tod". Die Hoffnung in dieser verfahrenen Situation liegt für den Apostel darin, daß es einen "neuen Menschen" gibt: Jesus Christus. Dieser neue Mensch lebt in versöhnten Beziehungen und im Einklang mit sich und seinem Gott: nicht fremdbestimmt, sondern "geistbestimmt", nicht von einer fremden Macht unterjocht, sondern von Gottes Macht bevollmächtigt und befreit. Erst ein solchermaßen versöhntes Leben, sagt Paulus, ist ein Leben im Vollsinn des Wortes. Und wenn wir uns diesem Christus und seinem Leben und Sterben anvertrauen, werden wir auch in seine versöhnte Beziehung zu Gott hineingenommen. Wir erhalten Anteil an dieser neuen Lebensqualität, werden wie er "neue Menschen". In diesem Sinne deutet Paulus nun in unserer Lesung auch die Taufe: In ihr wird der "alte Mensch", diese entfremdete Art Lebenshaltung, richtiggehend ertränkt. Sie ist ein Zeichen dafür, daß wir völlig neu und unbelastet beginnen dürfen. Wir sind dem Machtbereich der Sünde entzogen und können die alten Gespenster mit ihren Einflüsterungen ("du mußt", "du sollst", "du bist ungenügend") ruhigen Gewissens mit Nichtbeachtung strafen: Das ist nicht mehr relevant für uns. Für all das sind wir tot. Wir dürfen - so wie wir sind und ohne vorherige Verbesserungen - "ganz frech" damit rechnen, daß Gott uns annimmt als die, die wir sind. Für Paulus ist das eine Tatsache. Und gleichzeitig bleibt es ein Auftrag, es immer wieder neu, wie er sagt, zu "begreifen", und dieses neue vollmächtige und versöhnte Leben in allen Bereichen immer mehr wachsen zu lassen.


Die Lesungsperikope bringt einen Ausschnitt aus einem zentralen Text darüber, wie Paulus den theologischen Inhalt der Taufe versteht. Mit Hilfe der wesentlichsten Glaubensaussage "Christus ist gestorben und auferweckt worden" interpretiert Paulus die Taufe: Weil der Getaufte in dieses Geschehen hineingenommen ist, also "mit Christus gestorben" ist, wird er auch mit ihm auferweckt werden. Mit dem Futur in Vers 4 zeigt Paulus, daß das endgültige Heil noch nicht Gegenwart ist, aber für den Gläubigen eine reale Verheißung darstellt. Aber die Taufe betrifft nicht nur das Leben nach dem leiblichen Tod, sondern ganz konkret das irdische Leben des Menschen: Dadurch, daß der Getaufte zu Christus gehört, ist er frei geworden von dem, was Paulus als "die Sünde" bezeichnet: Die durch die Taufe geschenkte Gemeinschaft mit Christus soll in das zu erneuernde Alltagsleben hineinwirken. Sie soll konkrete Auswirkungen im Denken und Handeln des Getauften haben. Alles was den Menschen versklavt, falsch verstandene Gesetzesfrömmigkeit, der Tod und die Macht der Sünde beherrschen den Getauften nicht mehr. Er ist frei, sich zu entscheiden und das neue Leben mit Gott anzunehmen. Dazu ist er durch die Taufe gerufen und soll immer mehr hineinwachsen in diese neue Haltung, jetzt schon, im irdischen Leben, bis zur endgültigen Gemeinschaft mit Gott.


Der paulinischen Sprache folgend, ist das Leben des Getauften bestimmt davon, sich als neuer Mensch zu bewegen und in einem neuen Geist. Damit kommt die dem Menschen seit der Schöpfung zugedachte, in der Sünde aber verlorene, Herrlichkeit zur Sprache, die ihm neu geschenkt wird. Mit Christus haben wir den "alten" Menschen und dadurch den Tod überwunden. Es ist nicht ohne Bedeutung, daß dieser hoffnungsvolle Glaube nicht von dessen Treue und Bewährung abhängig gemacht wird sondern von der Tatsache, daß Jesus durch seinen Tot die Fähigkeit als neuer Mensch zu leben für uns geschaffen hat. Die durch die Taufe entstande neue Situation, daß wir "für die Sünde tot sind" sollen wir begreifen - real umsetzen.


Ungekürzte Fassung der
2. Lesung vom 13. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Röm 6,3-11

Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer:

Schwestern und Brüder!
Wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden,
sind in seinen Tod getauft.
Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod;
und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters
von den Toten auferweckt wurde,
so sollen auch wir als neue Menschen leben.
Wenn wir nämlich ihm gleich geworden sind in seinem Tod,
dann werden wir mit ihm auch in seiner Auferstehung vereinigt sein.
Wir wissen doch: Unser alter Mensch wurde mitgekreuzigt,
damit der von der Sünde beherrschte Leib vernichtet werde
und wir nicht Sklaven der Sünde bleiben.
Denn wer gestorben ist,
der ist frei geworden von der Sünde.
Sind wir nun mit Christus gestorben,
so glauben wir, daß wir auch mit ihm leben werden.
Wir wissen, daß Christus, von den Toten auferweckt,
nicht mehr stirbt;
der Tod hat keine Macht mehr über ihn.
Denn durch sein Sterben ist er ein für allemal gestorben für die Sünde,
sein Leben aber lebt er für Gott.
So sollt auch ihr euch als Menschen begreifen,
die für die Sünde tot sind,
aber für Gott leben in Christus Jesus.


Ruf vor dem Evangelium am 13. Sonntag im Jahreskreis (A)
1 Petr 2,9

Halleluja. Halleluja.
Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht,
eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm.
Verkündet die großen Taten Gottes,
der euch in sein wunderbares Licht gerufen hat.
Halleluja.


Evangelium vom 13. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Mt 10,37-42

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus:

In jener Zeit sprach Jesus zu den Aposteln:
Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich,
ist meiner nicht würdig,
und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich,
ist meiner nicht würdig.
Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt,
ist meiner nicht würdig.
Wer das Leben gewinnen will,
wird es verlieren;
wer aber das Leben um meinetwillen verliert,
wird es gewinnen.
Wer euch aufnimmt,
der nimmt mich auf,
und wer mich aufnimmt,
nimmt den auf, der mich gesandt hat.
Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist,
wird den Lohn eines Propheten erhalten.
Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist,
wird den Lohn eines Gerechten erhalten.
Und wer einem von diesen Kleinen
auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt,
weil es ein Jünger ist -
amen, ich sage euch:
Er wird gewiß nicht um seinen Lohn kommen.



Das Matthäusevangelium entstand ca. 80 n. Chr. Als Entstehungsort wird von manchen Syrien vermutet. Es verarbeitet ältere Quellen, nämlich das Markusevangelium und die "Redenquelle Q", ein Schriftstück, das uns verlorengegangen ist, aber wohl hauptsächlich Reden Jesu enthielt (z.B. die Bergpredigt) und einzelne Erzählungen (z.B. die Geschichte vom Hauptmann von Kapharnaum). Beide Quellen benutzt auch das Lukasevangelium. Trotzdem haben beide Evangelien ein unverwechselbares Profil. Liest man das Matthäusevangelium in einem Zug durch, merkt man, daß es sich von den übrigen Evangelien durch seinen sorgfältigen, filigranen Aufbau unterscheidet. Der Evangelist verbindet das vorgefundene Material auf ungeheuer kunstvolle Weise mit Anspielungen und Leitmotiven. Einige fallen auf Anhieb ins Auge, manche entdeckt man erst nach längerer Zeit. Einzelne Abschnitte rahmt er gerne dadurch, daß er zu Beginn und zum Ende eine Stichwortkombination wiederholt, z.B. "Gerechtigkeit" und „Barmherzigkeit". Er ist es auch, der das, was in den Gemeinden als Worte Jesu überliefert wurde, zu fünf längeren Reden zusammenkomponierte - die bekannteste ist natürlich die Bergpredigt! Sein inhaltliches Profil erhält das Matthäusevangelium durch die besondere Eigenart und die historische Situation der Gemeinde, für die es geschrieben wurde. Die vielen alttestamentlichen Zitate und seine Vertrautheit mit dem hebräischen Denken zeigen, daß es für eine judenchristliche Gemeinde verfaßt wurde. Diese Menschen, die sich als "Juden, die an Christus glaubten" fühlten, befanden sich gerade mitten in einer Krisensituation. Im Jahre 70 n. Chr. war Jerusalem und sein Tempel von den Römern zerstört worden. Eine der Folgen davon war, daß die junge Kirche und die Synagoge mehr und mehr auseinanderdrifteten. Die Christen der Matthäusgemeinde standen nun vor dem Dilemma, daß sie sich zwar ganz und gar als Juden fühlten, die Gebote hielten, sich vermutlich beschneiden ließen und den Sabbat feierten, aber von den anderen Juden nicht mehr anerkannt und z.T. verfolgt wurden. Die kleine Matthäusgemeinde muß angesichts der großen Synagoge um ihre Identität ringen. Das spiegelt sich im Matthäusevangelium lebhaft wieder: Kein anderes Evangelium wird so ausfällig gegen das Judentum und die Pharisäer! Eine solche Feindseligkeit diente damals der Abgrenzung gegen die übermächtige Synagoge, schrieb aber später blutige Geschichte, als sich die Machtverhältnisse umkehrten. Aber auch die Chance dieser Krise wird im Evangelium deutlich: Dadurch, daß sich die matthäischen Christen notgedrungen von der Synagoge lösten, konnten sie sich zu den Heiden hin öffnen. Mit diesem Ausblick endet das Buch des Matthäus: "Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern" (Mt 28,19). Zu diesem Thema paßt auch das heutige Evangeliumsstelle. Sie ist der dritten Rede des Matthäusevangeliums entnommen: der sogenannten Aussendungsrede (9,35 - 11,1). Im Text des Matthäus ist sie nicht an die ganze Menschenmenge gerichtet, die Jesus folgte und seiner bedürftig war, sondern wendet sich nur an die zwölf Apostel. In der matthäischen Gemeinde betrafen die klaren Anweisungen dieser Rede vor allem die christlichen Wandermissionare, die predigend von Ort zu Ort zogen und besonders stark den Anfeindungen der Umgegend ausgesetzt waren. Diese Ermahnung steht in der Mitte der Rede (Mt 10,16) und damit ist ihr Inhalt gut zusammengefaßt. Die Prediger verkünden einen hingebungsvollen und buchstäblich heilenden Gott, während sie gleichzeitig eine große Brutalität umgibt. Sie fordert den wandernden Prediger und Predigerinnen viel ab: einen klaren Kopf, schnelle Handlungsfähigkeit und großen Mut. Da ist die Gefahr groß, zu verhärten und sich der Umgebung anzugleichen oder aber sich auf eine sichere Verteidigungslinie zurückzuziehen. Und so erinnert die Rede sie auch daran, daß alle, die sich dem Gott Jesu auf Gedeih und Verderb anvertraut haben, ihm unendlich kostbar sind.


Im 10. Kapitel des Matthäusevangeliums findet sich die sogenannte Aussendungsrede: Jesus ruft seine Zwölf Jünger zu sich, gibt ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten zu heilen und sendet sie aus zu verkünden, daß das Himmelreich nahe ist. Er gibt ihnen auch die verschiedensten Anweisungen mit auf den Weg, angefangen von dem, was sie mitnehmen sollen bis hin zu Verhaltensregeln und Warnungen. Die Worte Jesu, die wir hier finden, erscheinen sehr radikal und hart im Vergleich zu vielen anderen Aussagen. Gerade hier kann es eine große Hilfe sein, der Entstehung dieser Texte ein wenig nachzugehen. Woher kommt der Text? Auch Markus und Lukas überliefern Aussendungsreden, Lukas sogar doppelt. In der ersten Aussendungsrede, die Lukas aufgeschrieben hat (Lk 9,1-5), sendet Jesus die zwölf Jünger aus. Lukas hält sich hier sehr eng an die Vorlage des Markusevangeliums. In seiner zweiten Aussendungsrede (Lk 10 und Teile der folgenden Kapitel) werden 72 Jünger ausgesendet. Der Text weist hier Parallelen zu Matthäus auf. Die meisten Bibelwissenschaftler gehen davon aus, daß Matthäus und Lukas das Markusevangelium gekannt und jeder auf seine Weise verwendet haben. Texte, die zwar in Matthäus und Lukas manchmal sogar wörtlich aufgeschrieben sind, nicht aber in Markus, schreiben diese Wissenschaftler einer anderen Vorlage zu, die sowohl Markus als auch Matthäus verwendet hat. Diese Vorlage wird Logienquelle genannt, weil sie hauptsächlich "Logien", d.h. Worte Jesus beinhaltet haben muß. Da uns diese Quelle nicht schriftlich vorliegt, vielleicht sogar nie als geschriebener Text existiert hat, sondern nur mündlich überliefert wurde, sind wir auf Rekonstruktionen angewiesen. Eine Hilfe ist hier, daß man sehr schön zeigen kann, wie Matthäus und Lukas mit dem Markusevangelium umgehen: Lukas bleibt sehr getreu an der Vorlage, Matthäus verarbeitet den ihm vorliegenden Text viel stärker. Das sieht man gerade bei der Aussendungsrede sehr schön: Lukas verwendet sowohl den Text, den er bei Markus findet und übernimmt ihn relativ genau, als auch einen zweiten Text der Aussendungsrede (aus der "Logienquelle"), bei Matthäus finden sich die Spuren sowohl des Markustextes, wie auch des Textes aus der Logienquelle, allerdings verarbeitet zu einer einzigen Rede. Radikale Jesusnachfolge Bei der Rekonstruktion dieser Logienquelle stößt man auf sehr alte Texte, die in ihrer Radikalität fast erschrecken wenn man sie aus dem Gesamtkontext der Evangelien herausgelöst betrachtet. Gerade auch die heutige Schriftstelle, die Matthäus schon in abgeschwächter Form übernimmt, zeigt das sehr deutlich. Lukas scheint hier die ursprünglicher Form bewahrt zu haben. Lk 14,26-27: Wenn jemand zu mir kommt, und nicht haßt den Vater, die Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern und auch sich selbst, kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, kann nicht mein Jünger sein. Auch die deutsche Einheitsübersetzung versucht diesen harten Text zu glätten und übersetzt das griechische Wort, das "hassen, verabscheuen" bedeutet mit "geringachten". Was die Einheitsübersetzung als "Übersetzung" nicht machen darf, darf Matthäus als Theologe sehr wohl: er verarbeitet das ihm vorliegende Gedankengut und fügt es in seine Theologie ein. Offensichtlich ist für ihn diese radikale Strömung nicht mehr so aktuell. Wer waren dann diese Menschen, die die Nachfolge Jesu derart radikal praktiziert haben (und jemand muß es so praktiziert haben, sonst wären die Texte gar nicht erhalten)? Viele Bibelwissenschafter, ich möchte hier nur G. Theißen nennen, gehen davon aus, daß es Wanderprediger gegeben hat, die ganz radikal das Leben Jesu nachvollziehen wollten. Aus der Motivation heraus, daß das Himmelreich nahe bevorstünde, ließen sie alles zurück, wanderten herum wie Jesus und predigten. In völliger Besitzlosigkeit, ohne Familie, ohne jede Sicherheit, fühlten sie sich gesandt, das jüdische Volk zur Umkehr zu rufen. Die radikale Jesusnachfolge dieser Wanderprediger spiegelt sich auch in anderen Stellen des Evangelium, zum Beispiel wo gefordert wird, sogar die Toten nicht begraben zurückzulassen (Mt 18,22). Was davon bleibt Die Verarbeitung dieser radikalen Texte in den Evangelien zeigt, daß diese Wanderprediger nicht unwichtig waren, sich aber nicht als "die" Form der Jesusnachfolge durchsetzen konnten. Lukas widerruft sogar die Aufforderung zur absoluten Besitzlosigkeit (Lk 22,35-38), die in der Ausssendungsrede (Mt 10,9-10, Lk 9,3, Lk 10,4) als zentrales Gedankengut der radikalen Wanderprediger erscheint. und was bleiben muß Es hat in der Geschichte der Kirche aber immer wieder Menschen gegeben, wie zum Beispiel Franz von Assisi, die versucht haben, diesen radikalen Ansatz zu leben und die Christen damit aufzurütteln aus einem angepaßten, bequemgewordenen Christentum. Deshalb darf man diese radikalen Texte auch heute nicht einfach aus dem Evangelium und aus der Verkündigung herausstreichen oder verniedlichen. Der radikale, "an die Wurzeln gehende" Anspruch der Botschaft Jesu darf nicht zu einer gemütlichen, harmlosen Befriedung der religiösen Gefühle werden, sondern muß aufrütteln, anecken und herausreißen aus dem Alltagstrott. Das heißt nicht, den Text wörtlich zu nehmen, sondern ihn zu verstehen, und daraus die Konsequenzen für den Stellenwert des Glaubens im je persönlichen Leben zu ziehen.


Unsere Perikope steht im größeren Zusammenhang der Aussendung der Jünger. Der Nachfolge kommt bei Matthäus eine ganz besondere Bedeutung zu. Die Aussendungsrede verläßt die historische Situation von damals und spricht von Aussendung der Jünger überhaupt. Die Furcht ist die ständige Bedrohung des Jünger-Seins; daher die häufigen Sprüche über Furchtlosigkeit, Bekenntnis und Kreuztragen. Diese "Zeit" versteht die Jünger ebensowenig, wie sie den Herrn versteht. Es ist auffällig, wie stark bei Matthäus die Nachfolge mit der Vollkommenheit verbunden ist. Aus dem alttestamentlichen Verständnis von Vollkommenheit - "Ganzheit der Hingabe an Gott" - ergibt sich, daß Nachfolge und Vollkommenheit für Matthäus das gleiche meinen. Hier hinein gehört auch der Anspruch, die Familie, die Blutsverwandtschaft hintanzustellen. Eine der urmenschlichsten Bindungen wird hier zu einer gefährlichen Bande für den Menschen auf dem Weg der Nachfolge dargestellt. Dahinter steht die Berufung, abgelöst aus diesem Eingefügtsein fähig zu sein zur Freiheit dem Absoluten gegenüber. Die Feinde der Nachfolge sind - in diesem Fall - nicht die Familie - , sondern das Verhaftet- und Verpflichtetsein bestimmten Menschen und Dingen gegenüber. Das heißt, die Freiheit für Gott zu verlieren. Das Aufnehmen der Boten Jesu umfaßt das Hören und Annehmen der Botschaft genauso wie die gastliche Aufnahme in die Häuser. Ein Becher Wasser genügt, um den Lohn zu erlangen. Es ist eine Zusicherung ganz besonders intensiver Identifikation Jesu mit den Seinen, die entsprechend seiner Verheißung sich klein gemacht haben, um wertvoll zu sein in der neuen Ordnung.