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Kontexte 21.05.2017


Göttliche Nähe

Aus: Tomáš Halík, Ich will, dass du bist. Über den Gott der Liebe. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2015.


Gott ist bereits gegenwärtig in unserer Sehnsucht nach ihm: Diese Sehnsucht ist, theologisch gesehen, ein Geschenk, ein Ausdruck der Gnade: »Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt, noch über euren guten Willen hinaus« schreibt der Apostel Paulus (Phil 2,13). Man­che christlichen Mystiker und jüdischen Rabbiner entwickeln insbesondere in Kommentaren zum Hohenlied gern den Gedanken, dass all unser Suchen, all unsere Sehnsüchte, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, bereits eine Antwort auf die vorhergehende liebende Suche Gottes nach uns darstellen.

Augustinus bezeugt dies leidenschaftlich in seinen »Bekenntnissen«: Ich habe gesucht, weil ich früher gesucht wurde; ich habe Gott auf allen möglichen Weisen an allen möglichen Orten gesucht, jedoch während ich draußen war, war er schon längst innen, im Inneren von mir selbst. »Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt«, sagt Jesus.

Auch hier gilt jedoch das, was Thomas von Aquin her- vorhob: Quidquid recipitur ad modurn recipientis recipitur - auch die Arten der Sehnsucht nach Gott und der Su­che nach Gott hängen von der Natur und von den subjektiven Bedingungen des einzelnen Menschen ab, ein­schließlich der Kultur, in der er lebt, und der Sprache, in der er denkt. Sie können den Charakter einer Leidenschaft nach Sinn, nach Liebe, nach Wahrheit haben; ich glaube, dass wir auch von diesen Gestalten der Leidenschaft, wo auch immer wir ihnen begegnen, hoffen dürfen, dass sie eine instinktive Reaktion auf jene vorhergehende und er­wartete göttliche Nähe sind, von der wir im letzten Buch der Bibel lesen: »Ich stehe vor der Tür und klopfe an.« (Offb 3,20)

Allerdings darf man nicht der skeptischen Frage ausweichen, ob hier nicht einfach menschliche und göttliche Dinge vermischt werden. Wird nicht unser Bemühen, Gott im Menschlichen zu entdecken, nicht letztlich dazu führen, dass wir im Gegensatz dazu in unserem Begreifen Gottes gerade nur das Menschliche, das allzu Menschliche ent­decken? Droht nicht unserer Sehnsucht nach Gott, dass wir im Rausch der Gefühle aus Gott eine Leinwand machen, auf die wir dann einfach die Inhalte unserer Wün­sche, Träume und Phantasien projizieren? Muss diese Sehnsucht nicht irgendeinen Test durchlaufen, die ihre Echtheit bestätigt?



Komm, Heiliger Geist

Aus: Martin Schleske. Geigenbauer, Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens. Kösel Verlag, München 2015.


Komm, Heiliger Geist,
kehr bei uns ein,
die wir erfüllt sind von einer Unruhe,
die du in uns geweckt hast.
Komm, und lasse in uns und für uns
aufleuchten das Geheimnis
des Gekreuzigten und Auf erstandenen.
Komm, und erfülle unser Leben,
so daß unser Mund
sich schließlich auftut,
weil das Herz überfließt.
Amen. Halleluja!

Unergründliches Geheimnis,
der du dich enthüllst
und zugleich verhüllst,
der du uns ansteckst mit deiner Liebe,
entzünde in uns die Sehnsucht nach dir,
laß uns treu sein
in der Suche nach dir
und sehnsüchtig hoffen
auf deine Entdeckung.
Wir sind schon wunderbar getröstet,
weil wir dich bereits besitzen,
wir sind voll heiliger Unruhe,
weil wir dich noch nicht besitzen.
Dir allein gehören wir,
Gott unseres Lebens,
Herr unserer Seele!
Amen. Halleluja!



»Du bist« und »Du sollst«

Aus: Martin Schleske. Geigenbauer, Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens. Kösel Verlag, München 2015.


Zeitlebens sind wir berufen, in das Mysterium der Gottesliebe tiefer hineinzuwachsen und so zu begreifen, wer wir sind. Wir dürfen nicht nur hören, was wir sollen. Wir müssen uns zugesprochen sein! Das ist das Wesen der Liebe. Sie zeigt uns, wer wir sind. Es anzunehmen heißt, sich in diesem Zuspruch zu glauben. Denn wer sich nicht glaubt, dem bleibt einzig, sich in seiner Welt täglich »zu beweisen«. Und nicht selten richten wir mit einer solchen verbissenen, maßlosen, waghalsigen, friedlosen Beweisführung uns (und die uns anvertraute Mitwelt) zugrunde! Kein Sollen oder Tun kann je ersetzen, was einem Menschen fehlt, der nicht weiß, wer er ist, weil er den Zuspruch nicht erfährt, der es ihm zeigt.

Es ist wie ein »Schwarzes Loch« der Seele, wenn der Stern, der unserem Leben Sinn und Zuspruch gibt, in uns erloschen ist oder erlischt. Die Getriebenheit in abenteuerlichen Selbstbeweisen, in Selbstansprüchen, Sorgen, Pflichten und Ängsten ist ein Schlund, der alles schluckt und doch nicht satt wird. Es ist eine Friedlosigkeit und Ruhelosigkeit im Menschen, wenn er äußerlich zwar Macht und Möglichkeiten hat, innerlich aber ohne jede Vollmacht ist - ohne jene Vollmacht, die darin besteht, einen Selbstwert zu empfinden, der nicht bewiesen werden muss. Wir sind dumm genug, zu glauben, es würde ruhiger und besser mit uns werden, wenn wir noch mehr tun, noch angestrengter uns hineinopfern in das, wonach der Schlund des Unbefriedeten in uns verlangt. Der Hunger wird nur größer. Wir füttern die gierigen Fettzellen einer unersättlichen Leere. Der einzig ruhige Mensch ist der geliebte Mensch. Alles andere ist Illusion!

Am Anfang seiner »Confessiones« schreibt Aurelius Augustinus (354-430) das bekannte Gebet: »Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.«30 Über vierzig unterschiedliche Ihr-seid-Worte habe ich im Neuen Testament einmal gezählt: »Ihr seid Kinder Gottes; Erben der Verheißung; eine königliche Priesterschaft; Salz der Erde; Licht der Welt« und vieles mehr. Es sind Sätze der Würde. Gemeinsam ist diesen Worten: Du bist all das nicht, weil du es sollst, sondern weil Gott dich dazu macht! Deshalb geht es nicht allein um eine Bekehrung unserer Moral, sondern viel früher und tiefer um eine Bekehrung unserer Identität.31

Der Gründervater der geistlichen Bewegung von Taize, Frere Roger, hat das Wort des Augustinus abgewandelt und ihm einen Akzent gegeben, der unsere Willenskraft anspricht. Er sagte: »Mein Herz bleibt unruhig, bis es dir, Christus, alles übergibt, was es fernhält von dir.«32 Damit ist ein »Du sollst« - und damit der menschliche Wille - angesprochen.

Die Wechselwirkungen zwischen Sein und Sollen können einem reifen Leben nicht erspart bleiben. Wir müssen in diesem Konflikt leben, denn es liegt darin eine wirkende Kraft. Unser Sein muss den Ozean des Sollens durchqueren, und unser Sollen darf im Zuspruch des Seins vor Anker gehen. Verlieren wir eines von beidem, droht wahlweise der Schiffbruch oder die ewige Flaute. Wer nicht weiß, wer er ist, der hat kein inneres Gewicht! Da fehlt das Gewicht im Kiel des Schiffes, das es in Stürmen bewahrt. Wer nicht weiß, was er soll, der hat sein Segel nicht gehisst. Da entsteht kein Aufbruch, keine Fahrt.

Besteht alles nur aus Sollen, droht das Leben in den Stürmen der Ansprüche zu kentern. Es ist der Schiffbruch der Selbstentwürdigung, die lautet: »Ich bin nichts, denn ich schaffe nicht, was ich soll!«

Besteht das Leben nur aus Sein, droht die ewige Flaute der Selbstbeschwichtigung-, sie lautet: »Ich muss nichts, denn es reicht, was ich bin!«

Beides ist nicht wahr. Eine Resonanz entsteht nur durch eine Wechselwirkung zwischen zwei Kräften. Darum müssen Anspruch und Zuspruch beide ihre Kraft behalten. Die Bibel lehrt uns, beides zu sehen und der Selbstentwürdigung und der Selbstbeschwichtigung gleichermaßen zu widerstehen.



Gesandtsein

Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. Jesus von Nazareth. Band II: Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung, Freiburg-Basel-Wien: Herder 2011.



Herz und Herz vereint zusammen

Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. Jesus von Nazareth. Band II: Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung, Freiburg-Basel-Wien: Herder 2011,



Alles Leben wird gelebt

R. M. Rilke, Die Gedichte, Frankfurt: Insel 1986



Schechina

Siegfried Bergler, Exaudi: Joh 14,15-19, in: Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext. Zur Perikopenreihe V, Weihenzell: Studium in Israel 2006.



Herz und Herz vereint zusammen

Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1723) 1725, bearbeitet von Christian Gregor 1778 und Albert Knapp 1837, in: EG 251.



Wind kannst du nicht sehen

Text: Markus Jenny (1983) 1991 nach dem schwedischen "Vinden ser vi inte" von Anders Frostenson 1958/73. In: EG 568.



Dritter Artikel

Martin Luther (1529) Kleiner Katechismus.



Gebete zum Betenlernen

Pater Eusebius Erlenspiehl in: Reinhard Kürzinger / Bernhard Sill, Das große Buch der Gebete. Über 800 alte und neue Gebetstexte für jeden Anlass. Lizenzausgabe für Verlag Hohe, Erfstadt 2007.



Voll gebetet

Gottfried Bachl in: Reinhard Kürzinger / Bernhard Sill, Das große Buch der Gebete. Über 800 alte und neue Gebetstexte für jeden Anlass. Lizenzausgabe für Verlag Hohe, Erfstadt 2007.



Lippengebete

Pierre Griolet in: Reinhard Kürzinger / Bernhard Sill, Das große Buch der Gebete. Über 800 alte und neue Gebetstexte für jeden Anlass. Lizenzausgabe für Verlag Hohe, Erfstadt 2007.



Die guten Bekannten

Aus: Eugen Roth, Ein Mensch. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1995.



Geist der Liebe

Aus: Franz Kamphaus, Zwischen Tag und Nacht. Österliche Inspirationen. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 1998.



Wahrheit in Wahrhaftigkeit

Aus: Hans Küng, Vertrauen, das trägt. Spiritualität für heute. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2003.



Der Geist der Wahrheit wird euch in die ganze Wahrheit führen

Aus: P. Alois Kraxner, Wie Kristalle in taubem Gestein. Christsein im Alltag. Wagner Verlag, Linz 2008.