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Kontexte 26.06.2011


Kommt, Kinder, laßt uns gehen

Gerhard Tersteegen (1738) in: EG 393.


Kommt, Kinder, laßt uns gehen,
der Abend kommt herbei;
es ist gefährlich stehen
in dieser Wüstenei.
Kommt, stärket euren Mut,
zur Ewigkeit zu wandern
von einer Kraft zur andern;
es ist das Ende gut,
es ist das Ende gut.

Es soll uns nicht gereuen
der schmale Pilgerpfad;
wir kennen ja den Treuen,
der uns gerufen hat.
Kommt, folgt und trauet dem;
ein jeder sein Gesichte
mit ganzer Wendung richte
fest nach Jerusalem,
fest nach Jerusalem.

Geht's der Natur entgegen,
so geht's gerad und fein;
die Fleisch und Sinnen pflegen,
noch schlechte Pilger sein.
Verlaßt die Kreatur
und was euch sonst will binden;
laßt gar euch selbst dahinten,
es geht durchs Sterben nur,
es geht durchs Sterben nur.

Man muß wie Pilger wandeln,
frei, bloß und wahrlich leer;
viel sammeln, halten, handeln
macht unsern Gang nur schwer.
Wer will, der trag sich tot;
wir reisen abgeschieden,
mit wenigem zufrieden;
wir brauchen's nur zur Not,
wir brauchen's nur zur Not.

Sollt wo ein Schwacher fallen,
so greif der Stärkre zu;
man trag, man helfe allen,
man pflanze Lieb und Ruh.
Kommt, bindet fester an;
ein jeder sei der Kleinste,
doch auch wohl gern der Reinste
auf unsrer Liebesbahn,
auf unsrer Liebesbahn.

Drauf wollen wir's denn wagen,
es ist wohl wagenswert,
und gründlich dem absagen,
was aufhält und beschwert.
Welt, du bist uns zu klein;
wir gehn durch Jesu Leiten
hin in die Ewigkeiten:
es soll nur Jesus sein,
es soll nur Jesus sein.



Wandercharismatiker

Gerd Theißen, Sozilologie der Jesusbewegung, ThEx 194, München: Chr. Kaiser 1977.


Der ethische Radikalismus der synoptischen Tradition war Wanderradikalismus, der sich nur unter extremen und marginalen Lebensbedingungen praktizieren ließ. Nur wer aus den alltäglichen Bindungen der Welt entlassen war, wer Haus und Hof, Frau und Kinder verlassen hatte, wer die Toten ihre Toten begraben ließ und die Lilien und Vögel zum Vorbild nahm, konnte dies Ethos glaubwürdig praktizieren und tradieren. Nur in einer Bewegung von Außenseitern hatte es eine Chance. Kein Wunder, daß uns immer wieder Außenseiten in der Tradition begegnen: Kranke und Behinderte, Prostituierte und Tagenichts, Steuereintreiber und verlorene Söhne. Zu dieser Außenseiterrolle urchristlicher Wandercharismatiker paßt ihre eschatologische Naherwartung: Enderwartung und Lebenspraxis stimmten hier überein..



Nicht mit leeren Händen

Dietrich Bonhoeffer, Nicht mit leeren Händen. Aus Matthäus 10,40-42, in: Bonhoeffer Brevier, zusammengestellt und herausgegeben von Otto Dudzus. München: Chr. Kaiser Verlag 1968.


Die Träger des Wortes Jesu empfangen ein letztes verheißendes Wort für ihr Werk. Sie sind Christi Mitarbeiter und Gehilfen geworden, sie sollen Christus gleich sein in allen Stücken, so sollen sie auch für die Menschen, zu denen sie gehen, "wie Christus" sein. Mit ihnen betritt Jesus Christus selbst das Haus, das sie aufnimmt. Sie sind Träger seiner Gegenwart. Sie bringen den Menschen das kostbarste Geschenk, Jesus Christus, und mit ihm Gott, den Vater, und das heißt ja Vergebung, Heil, Leben, Seligkeit. Das ist der Lohn und die Frucht ihrer Arbeit und ihres Leidens. Jeder Dienst, den man ihnen tun wird, ist an Jesus Christus selbst getan. Das ist in gleicher Weise Gnade für die Gemeinde und für die Boten. Die Gemeinde wird den Boten um so williger Gutes erweisen, sie ehren und ihnen dienen; denn mit ihnen ist ja der Herr selbst bei ihnen eingekehrt. Die Jünger aber dürfen wissen, daß ihr Eintritt in ein Haus nicht vergeblich und leer bleibt, sondern daß sie eine unvergleichliche Gabe bringen. Es ist ein Gesetz im Reiche Gottes, daß jeder der Gabe teilhaftig wird, die er willig als von Gott gekommen empfängt. Wer den Propheten aufnimmt im Wissen darum, was er tut, der wird seiner Sache, seiner Gabe und seines Lohnes teilhaftig. Wer einen Gerechten aufnimmt, der wird den Lohn eines Gerechten empfangen, denn er hat an seiner Gerechtigkeit teilgenommen. Wer aber einem dieser Geringsten, dieser Ärmsten, denen kein Ehrenname zukommt, dieser Boten Jesu Christi nur einen Becher Wasser reicht, der hat Jesus Christus selbst gedient, und der Lohn Jesu Christi wird ihm zufallen.



Bezogenheit auf das Ganze

Joseph Ratzinger, Dogma und Verkündigung, München, Freiburg/Br.: Erich Wewel Verlag 1973.


[...] die Offenheit, die Bezogenheit auf das Ganze hin, liegt im Wesen des Geistes. Und gerade darin, daß er nicht nur ist, sondern über sich hinausgreift, kommt er zu sich selbst. Im Sich-Überschreiten hat er sich; indem er beim Andern ist, wird er erst er selbst, kommt er zu sich selbst. Oder noch einmal anders ausgedrückt: Das Beim-Andern-Sein ist seine Form, bei sich selbst zu sein. Man wird an ein theologisches Grundaxiom erinnert, das auf eine eigentümliche Weise hier anwendbar wird, an das Wort Christi »Nur wer dich selbst verliert, kann sich finden« (vgl. Matth. 10,36). Dieses dort heilsmäßig ausgesprochene Grundgesetz menschlicher Existenz charakterisiert der Sache nach das Wesen des Geistes, der nur, indem er von sich selber weggeht, indem er zum anderen seiner selbst geht, zu sich selbst kommt und seine eigene Fülle vollzieht.



Abenteuernaturen

Eugen Drewermann, Tiefenpsychologie und Exegese. Band II, Zürich und Düsseldorf: Walter Verlag. 2001.


Die Evangelien überliefern übereinstimmend das bittere Wort Jesu, daß, wer sein Lebensprinzip einzig darauf gründe, sein Leben retten und bewahren zu wollen, es mit tödlicher Sicherheit verlieren müsse (Joh12,25; Mt 10,39; Lk 17,33); er wird dann am Ende völlig leer dastehen, und es ist überhaupt nichts bei seinem Leben herausgekommen. Offensichtlich liebte Jesus gegenüber den ängstlichen Verweigerern die göttlichen Abenteuernaturen, die vertrauensvoll Wagemutigen, die, kaum daß sie etwas in der Hand haben, hingehen und etwas unternehmen, indem sie sich sagen: »Wozu lebe ich? Doch nicht, damit es ebenso sicher wie nutzlos brach liegenbleibt!«
Gewiß, man kann scheitern, und man kann das Scheitern fürchten. Aber wer nur das Scheitern fürchtet, scheitert sicherlich, denn er kommt nicht dazu, überhaupt auch nur irgendetwas zu tun. Man kann sich verspekulieren, und man kann etwas falsch machen, das ist wahr; aber wer in seinem Leben nur alles richtig machen will, macht niemals etwas richtig, und wer grundsätzlich sich davor schützen möchte, daß ihm am Ende eine Chance entgeht oder er auf das falsche Pferd gesetzt hat, wird nie zu einem Gewinn kommen.