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Kontexte 25.12.2011


Loben und preisen

Aus: Gustav Schörghofer, danke tausendmal. Wie positives Denken und Dankbarkeit das Leben verändern. Styria Verlag, Wien Graz Klagenfurt 2011.


Die Heilige Schrift der Juden (das Alte Testament der Christen) kennt keinen eigenen Ausdruck für Dank oder Dankbarkeit. Sie verwendet dafür Wörter des Lobes oder der Preisung. Wo im Griechischen oder Lateinischen von Dank die Rede ist, preisen oder loben die Juden. Lob und Dank sind vor allem an Gott gerichtet. Wachgerufen werden sie durch die Erinnerung an die Wohltaten Gottes, an erfahrene Befreiung, Heilung, Bewahrung in Not und Rettung. Der Dank ist daher eng mit der Erinnerung verknüpft. Er stammt aus der Erinnerung. Ein Vergessen würde das Ende des Danks bedeuten. Daher wird ausdrücklich vor allem Vergessen gewarnt. Im Vergessen liegt der Grund allen Unheils. Denn wenn die Heilstaten Gottes vergessen werden, bleibt der Mensch sich selbst überlassen.

Er schreibt das Gute sich selber zu, wird überheblich und liefert sich zugleich selbst gemachten Göttern aus. Die Juden pflegen daher eine großartige Kultur des Erinnerns.

Die Heilige Schrift kann als Teil dieser Kultur betrachtet werden. Sie dokumentiert nicht nur Vergangenes, sondern sie führt auch vor, wie durch Erinnerung das Geschehen lebendige Gegenwart bleibt.



Staunender Hirte

Paul Weismantel


So möchte auch ich stehen und staunen können,
weit Ausschau halten
nach den Zeichen der Hoffnung und des Friedens.

So möchte auch ich verweilen,
auch wenn der Weg noch weit und steinig ist,
der mich dorthin führt, wo ich das Heil finde.

So möchte auch ich Hirte sein,
Nachtwache halten
und mich nicht vom Schlaf der Müdigkeit in Beschlag nehmen lassen.

So möchte auch ich von den Hirten lernen,
der Botschaft des Engels zu trauen und ihr zu folgen,
um die Geburt des Kindes zu feiern.



Gebet

Heribert Arens ofm in: Reinhard Kürzinger / Bernhard Sill (Hrsg.), Das große Buch der Gebete. Über 800 alte und neue Gebetstexte für jeden Anlass. Lizenzausgabe für Verlag HOHE GmbH, Erfstadt 2007.


Du heruntergekommener Gott,
Du bist aufgebrochen aus deinem Himmel.
Du bist mir nahe gekommen.
Nicht in der Ferne muss ich dich suchen,
sondern in der Nähe.
Nicht nach oben muss ich mich ausstrecken,
um dich zu finden,
ich kann mich nach unten beugen
um deine Spur zu finden:
auf dem Boden,
im Unscheinbaren
bei den Kleinen,
bei denen, die »ganz unten« sind,
bei den »Herunter-Gekommenen«.
Je länger ich hinschaue, mein Gott,
staune ich
über deine Größe im Kleinen.



Wie der heilige Franz

P. Anton Rotzetter http://downloads.directserver.org/1/10/1/76778834362312621016.pdf


Wie der heilige Franz
an der Krippe
knien
und nur noch eines
sehen
das Kind und das Leben.

Wie Ochs und Esel
an der Krippe
stehen
und nur noch eines
fühlen
das Kind und das Leben

Wie die heilige Maria
an der Krippe liegen
und nur noch eines
gebären
das Kind und das Leben

Wie der heilige Josef
an der Krippe
sitzen
und nur noch von einem
träumen
vom Kind und vom Leben



Suchen und finden

Paul Weismantel http://downloads.directserver.org/1/10/1/76778834362312621016.pdf


Suchen und finden,
den Weg durch die Wüste,
über manchen Umweg,
vom Stern geführt,
im Traum bestätigt.

Gesucht und gefunden,
das Haus des Brotes,
das Kind und die Mutter,
die Wiege des Lebens,
das Ziel der Sehnsucht.

Suchen und finden,
den Ort, wo die Kronen abgelegt,
die Knie gebeugt,
die Hände gefaltet,
die Herzen weit geöffnet werden.

Gesucht und gefunden,
die dargebrachten Schätze,
das Gold der Sehnsucht,
den Weihrauch der Hingabe,
die Myrrhe der Schmerzen.

Suchen und finden,
den anderen Heimweg
durch unbekannte Gefilde,
doch mit einer Zuversicht im Herzen,
die unwiderruflich ist für immer.

Gesucht und gefunden,
die wahre Größe,
die sich zeigt in der Zuneigung,
wo die Schenkenden
reich Beschenkte sind.



Auf Goldgrund

Aus: Hubertus Halbfas, Glaubensverlust. Warum sich das Christentum neu erfinden muss. Patmos Verlag, Ostfildern 2011.


So [der Autor bezieht sich auf den Weltkatechismus] wird von Anfang an das »Leben Christi« auf Goldgrund gemalt, die historische Erkundung aber vermieden. Es gibt ein »Weihnachtsmysterium«, ein »Kindheitsmysterium«, die »Mysterien des Verborgenen Lebens« und die »Mysterien des Öffentlichen Lebens«. Zwischen Tatsache und Legende wird nicht unterschieden. Zweihundertfünfzig Jahre historisch-kritische Exegese scheinen nur vereinzelt durch, hauchdünn, insgesamt bleiben wissenschaftliche Ergebnisse vor der Tür. Das mindert entschieden die Glaubwürdigkeit des Glaubensbuches. Die Forderung in der Bibelenzyklika Pius' XII., stets die Intentionen der einzelnen biblischen Autoren zu ermitteln und zu unterscheiden, wird übergangen. Es hätte deutlich werden müssen, dass die einzelnen Evangelien nichtharmonisierbare Jesusbilder entwerfen. Stattdessen überblendet der Weltkatechismus das Eigenprofil der Evangelien und kreiert ohne Rück-sicht auf literarische Zusammenhänge ein stilisiertes »Mysterium«: einen Jesus, der weder der Jesus des Markus, des Matthäus, Lukas oder Johannes ist, sondern ein Produkt der Katechismusverfasser, die aus ihrem dogmatischen Verständnis heraus einen eigenen Jesus backen und dabei das Neue Testament als Steinbruch für Belegstellen missbrauchen. Ein solcher Flickenteppich zusammengeklitterter Zitate muss mit dem Wider-spruch kundiger und kritischer Leser rechnen. Doch scheint es, dass die Kirche solche Leser bereits abgeschrieben hat. Will sie den theologischen Sachstand der exegetischen Wissenschaften nicht wahrnehmen und in ihre Darstellung einbeziehen, um keine schlafenden Hunde zu wecken? Aber die Angst, dass das eigene Glaubensgehäuse unter diesen Erkenntnissen zerfallen könnte, wird bei aller stattfindenden Verdrängung sehr wohl empfunden.

Der Katechismus folgt mit seinen sogenannten »Mysterien des Lebens Christi« dem liturgischen Kirchenjahr mit Advent, Weihnachten, Beschneidung, Epiphanie, Darstellung im Tempel und Flucht nach Ägypten. Er schildert eine vermeintliche Historie und übersieht, dass die Kindheitserzählungen nach Lukas und Matthäus späte Überlieferung sind, die als Legendenfolge zur Sprache zu bringen ist, will man ihre Theologie erfassen. Stattdessen spricht der Katechismus von »Berichten in den Evangelien« und fasst darunter auch »die jungfräuliche Empfängnis« und dass Maria »allzeit Jungfrau« geblieben sei - Wendungen, die im Rahmen ihrer Textgattung als Metaphern zu deuten wären. Aber weil dieses Verständnis abgelehnt wird, muss wenig später die entgegenstehende, diesmal durchaus biographische Notiz bei Mk 6,3 in ihrer realen Eindeutigkeit bestritten werden: die dort genannten Brüder Jesu - Jakobus, Joses, Judas und Simon - sowie seine nur namenlos erwähnten Schwestern dürfen nur noch Vettern und Kusinen sein. Wobei »Jakobus, der Bruder des Herrn« (Gal 1,19), sogar außerhalb des Neuen Testaments mehrfach bezeugt ist. Gewiss, angesichts einer Mariologie, die von einer Jungfräulichkeit vor, in und nach der Geburt spricht und diese fromme Spekulation in Kirchenfesten und manig-fachen Formen der Volksfrömmigkeit feiert, sind Geschwister Jesu eine Katastrophe. Da übergeht man gerne, dass in der Antike von Jungfrauengeburt und göttlicher Sohnschaft ohne biologische Problematik gesprochen wurde. Hier wie an vielen anderen Stellen heizt der Gegensatz von Dogma und Geschichte den Verdunstungsprozess des Glaubens kräftig an.